Spitzenreiter
Komisch eigentlich, dass ich so wenig zum FC St. Pauli schreibe. Irgendwie ist das doch ein recht wichtiges Thema in meiner Freizeit und derzeit gibt es wahrlich viel Schönes zu berichten. Aber irgendwie fühle ich mich zur Zeit kaum in der Lage dazu, mich wirklich sinnvoll zu äußern. Es hängt so viel in der Schwebe, ich habe irgendwie nicht das Gefühl, als könnte ich den aktuellen Ereignissen gerecht werden. Alles ist zu schön um wahr und von Bestand zu sein. Aber ich kann es ja mal versuchen, wenn ich ‘s versaue haut mich.

Anspielung auf das DFB-Pokal Viertelfinale 05/06
Ich werde zur Zeit häufig mit ernsthaften Erstaunen gefragt, was denn mit meinem Verein abgeht. Das gab es früher schon und früher konnte ich so Dinge sagen wie “Ja nu, wir haben halt nur einen halb so hohen Etat wie andere Mannschaften in der Liga”, oder “Wenn wir 5 Millionen für neue Spieler ausgeben könnten, würden wir auch so spielen”. (An dieser Stelle ein kleiner Einwurf: Ich spreche bei St. Pauli aus Gewohnheit immer von “Wir” und “Uns” und so weiter. Das ist reichlich albern, hat sich aber über die Jahre einfach so etabliert. Immerhin kann ich entgegnen, dass ich seit Jahren nicht nur Dauerkarteninhaber sondern auch passives Vereinsmitglied bin, vielleicht reicht das ja als Rechtfertigung.) Wie könne es denn sein, daß aus einer Knüppelmannschaft, die höchstens über den Kampf und durch widrige Umstände wie Blizzards (siehe Bild) mal eine etablierte Mannschaft schlagen konnte plötzlich ein (gefühltes) zweites Barcelona wird? Ich weiß es nicht. Ein paar Erklärungsversuche:
- Der Verein gesundet finanziell von Jahr zu Jahr in denen Corny Littmann und seine Kollegen an den Rädchen drehen. Man kann von Corny halten was man will, aber man muß ihm eine wirklich Spitzenbilanz attestieren, wenn es um die Vereinsfinanzen geht. Man muss es sicher nicht witzig finden, wenn Corny im Interview der ARD versucht sein klingelndes Handy abzuschalten und es nicht schafft, oder wenn er in Pressekonferenzen mit seiner sexuellen Neigung kokettiert und es gibt sicher noch einige andere brisantere Punkte an denen man sich stören kann, die ich aber nur viel zu ungenau kenne und wiedergeben kann und deshalb hier ausspare. Fakt ist, dem Verein geht es so gut wie nie, eine neue Südtribüne haben wir schon, die Finanzierung für die neue Haupttribüne ist gesichert (voraussichtlicher Baubeginn noch dieses Jahr) und wir konnten das erste mal seit Jahren wieder richtig Geld für neue Verpflichtungen “raustun”. Es ist gut und richtig, wenn Aufsichtsrat Missstände anspricht oder Fanvereinigungen kritisieren, aber alles in allem läuft es gut. Als einziger Wermutstropfen derzeit wäre wohl nur dieser unsägliche Merchandising-Vertrag mit der Firma Upsolut zu nennen, indem der Verein alle seine Rechte an Totenkopf und Vereinsnamen für eine Vertragslaufzeit von 30 Jahren veräußert hat. Allerdings ist es müßig darüber jetzt zu diskutieren, denn meines Wissens hatten die Verantwortlichen damals überhaupt keine andere Wahl, wenn man nicht die Lizenz des DFBs aufs Spiel setzen wollte.
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Trainerteam - Truller & Stani
Der Trainer Holger Stanislawski kann ab dieser Saison endlich wieder die ganze Zeit bei der Mannschaft sein und muss die ganze Arbeit nicht bei den Co-Trainern Trulsen und Nemet abladen. Er kann jetzt endlich im Detail in der Woche das Umsetzen lassen, was er sich vorstellt und für was er mit Helmut Schulte zusammen den Kader geformt hat. Im Jahr zuvor musste Stani ja leider die ganze Woche in Köln auf dem Trainerlehrgang verbringen um seinen Fußballlehrer nachzuholen. Das von anderen Trainern bekannte Schnellverfahren bekommen nur prominenten Trainer von Bayern München oder VfB Stuttgart (scheiß DFB).
- Die Neuen schlagen sensationell ein:
- Markus Thorandt kam von 1860 München: Erfahrener und sehr robuster Innenverteidiger. Hat sich in der Vorbereitung in die Stammelf gespielt und ist seit dem völlig zurecht gesetzt. Neigt mir persönlich allerdings manchmal ein bisschen zu sehr zu riskantem Übereifer.
- Matthias Lehmann kam von der Alemannia Aachen: Erfahrener defensiver Mittelfeldspieler mit unbändigem Einsatz über 90 Minuten. Schießt gute Standards sorgt immer für Gefahr aus der zweiten Reihe.
- Deniz Naki kam aus Leverkusen (Saison zuvor an Ahlen ausgeliehen): Die Überraschung der Saison. Deniz kann, entgegen allen Erwartungen ob seines Alters (19), auf ganzer Linie überzeugen. Technisch sehr versiert ist er kaum vom Ball zu trennen, ist irre schnell und hat, anders als viele der jungen Dribbelkönige, trotzdem noch den Blick für den Mitspieler. Generiert aus dem offensiven Mittelfeld Torchancen und Standards am laufenden Band. Wenn da nichts dazwischenkommt, wird einmal ein Weltstar. Jetzt ist er erstmal bei der U21 Nationalmannschaft (wie gesagt: mit 19.).
- Charles Takyi kam einem Jahr Fürth wieder zurück: Keine Überraschung, Sir Charles hat nichts verlernt. Immer noch unmöglich vom Ball zu trennen, haken schlagend durch 3 Gegenspieler und den tödlichen Pass immer am Fuß. Leider im Spiel gegen Duisburg zweimal unbeherrscht, aber aus Schaden wird man klug.
- Max Kruse kam von Werder Bremen: äußerst talentierter, junger, offensiver Mittelfeldspieler. Überzeugte mich bei beiden Testspielen gegen Hertha und die Hearts sehr, verletzte sich dann aber leider zum Saisonstart am Oberschenkel. Von dem ist noch einiges zu erwarten, wie ich glaube.
- Die Jungspunde Davidson Drobo-Ampem, Jonathan Beaulieu-Bourgault, Dennis Daube, Nils Pichinot sind jederzeit einsetzbar und zeigen äußerst ansprechende Leistungen. Speziell Dave, der derzeit als linker Aussenverteidiger gesetzt zu sein scheint, kommt mit seiner großen Verantwortung gut zurecht. Nicht ganz fehlerfrei, aber ansprechend.
- Stani gibt ein recht komplexes, weil sehr variables, 4-2-3-1-System vor bei dem ein paar Vorraussetzungen erfüllt sein müssen, damit es wie jetzt funktioniert:
- Schnelles Umschalten zwischen Angriff und Verteidigung.
Beim Verteidigen behindert schon der offensiven Mittelfeldspieler und der Stürmer massiv den Spielaufbau des Gegners, im Ballbesitz besetzen die Aussenverteidiger die Flügel. - Durch die Aufstellung wird es im zentralen Mittelfeld sehr eng, was in der Offensive dann nur gut funktioniert, wenn schnell und direkt gespielt wird. Dazu müssen die Spieler eingespielt sein und die Laufwege stimmen. Automatismen müssen einstudiert sein.
- Die 2 Sechser müssen schnell und flexibel auf die Spielsituation regieren und in der Verteidigung entstandene Lücken durch die offensiven Aussenverteidiger schließen.
- Die 3 offensiven Mittelfeldspieler haben alle Freiheiten, weil von den Sechsern gedeckt, müssen diese aber auch nutzen. Ständige Rotation führt zum Erfolg.
- Schnelles Umschalten zwischen Angriff und Verteidigung.
- Die Stimmung in der Mannschaft ist sagenhaft, daß merkt man als Zuschauer einfach. Es ist schon traumhaft zu sehen, wie Leute wie Bene oder Eger, die leider zur Zeit keine Spielzeit bekommen, sich mit der Mannschaft freuen, wie alle sich gegenseitig unterstützen. Das Klischee von den 11 Freunden ist vielleicht ein bißchen zu hoch gegriffen, aber von außen gesehen sieht es fast so aus. Und auch außerhalb der Mannschaft funktioniert es, sei es das Trainerteam, Pressesprecher Bönig, “der Lange” (Sportchef H. Schulte), Masseur Wolle, Bubu und viele andere.. alle arbeiten zusammen und haben zusammen Spaß an dem was sie tun. Dieser Spirit ist kaum zu überschätzen und färbt sicher auch auf die Leistungen sensibler Spieler wie zum Beispiel Deniz Naki ab.
Alle Punkte oben greifen ineinander, so daß letztendlich eine bei St. Pauli (wie ich meine) nie dagewesene Spielkultur entwickelt hat. Zu allem Überfluß kommt jetzt sicher auch noch ein gesundes Selbstbewußtsein dazu, dass dem Spiel zusätzlich helfen wird, den das System lebt vom Offentivspiel ohne Versagensängste.
Wir werden sehen, wohin uns das führt. Derzeit halte ich die Mannschaft für die Beste, die St. Pauli jemals hatte. Und ich bin nicht erst seit gestern dabei. Ich bin sehr gespannt, wie die Mannschaft auf die obligatorische Schwächeperiode regieren wird. Denn die wird es sicher geben.
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